Heim holen
Wer unbequeme Fragen stellt…
Katherina Braschel •
Residenz Verlag • 272 Seiten
Ach Lina! Ich kenne das nur zu gut. Wenn sich etwas zwischen dich und deine Mutter schiebt, wenn die Lücken mit dem vorsichtigen Vorfühlen gefüllt werden, weil das Ungesagte brüchiges Eis ist, das jederzeit brechen kann.
Mitten in den Alltag schieben sich plötzlich Erinnerungsfetzen, weil ein Wort eine ganze Flut von Bildern auslöst und dann kommt der Moment, wenn sich Leerstellen auftun und Fragen entstehen. Weil Erinnerungen lückenhaft sind und immer nur ein Bruchstück abbilden. Ein sehr persönliches.
Nur – wer Fragen stellt, muss die Antworten aushalten können. Katherina Braschel schickt ihre Protagonistin Lina auf eine Reise in die Vergangenheit. Heim holen ist eine Recherche durchsetzt mit Erinnerungsfetzen, die sich Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Es ist ein Drahtseilakt über hochkochenden Emotionen, Schmerz, der grausamen Geschichte des 20. Jahrhunderts und dem Versuch, sich selbst zu finden.
Aufgewachsen ist Lina in der donauschwäbischen Gemeinschaft Salzburgs, die dort ihr traditionelles Leben nach der Vertreibung und Flucht fortsetzte. Aber vielleicht ist die Erzählung aus Opfersicht nur die halbe Wahrheit, vielleicht lässt sich das Schweigen lüften. Sie beginnt zu forschen und die Vergangenheit greift nach der Gegenwart.
Was Heim holen ausmacht
Hier strahlt das ganze Genie Katherina Braschels in voller Kraft. In wegweisend moderner, junger und natürlicher Sprache, die wie selbstverständlich einbezieht, was eine progressive Generation ausmacht, sind wir sofort mitten in Wien. Sprache schafft Identität. Für die Donauschwaben, für die jungen Feminist*innen, Genderdiversen, für die Opfer und die Täter im Nationalsozialismus.
Hier geht es um alles: Das Leben mit der Vergangenheit, die Frage, was es sich zu erforschen lohnt, das Aushalten der Erkenntnis, Freund*innenschaft, Zugehörigkeit, die komplizierte Beziehung zwischen Mutter und Tochter und das Bewusstsein um die eigene Position in der Welt.
Ein fantastischer Debütroman einer exorbitant talentierten Autorin. Die Latte hängt jetzt hoch, Katherina, ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman aus deiner Feder.
Danke an den Residenz Verlag für das Rezensionsexemplar, so eine Bereicherung!



